"In Gottes Plan gelegen"

Schwester Teresia Benedicta a Cruce,
Edith Stein

Daß ich in jener Stadt einen Menschen kennenlerne, der "zufällig" auch dort studierte und eines Tages "zufällig" mit ihm aut weltanschauliche Fragen zu sprechen komme, erscheint mir zunächst nicht durchaus als verständlicher Zusammenhang. Aber wenn ich nach Jahren mein Leben überdenke, dann wird mir klar, daß jenes Gespräch von entscheidendem Einfluß auf mich war, vielleicht "wesentlicher" als mein ganzes Studium, und es kommt mir der Gedanke, daß ich vielleicht "eigens darum" in jene Stadt "gehen mußte". Was nicht in meinem Plan lag, das hat in Gottes Plan gelegen.

Und je öfter mir so etwas begegnet, desto lebendiger wird in mir die Glaubensüberzeugung, daß es - von Gott her gesehen - keinen Zufall gibt, daß mein ganzes Leben bis in alle Einzelheiten im Plan der göttlichen Vorsehung vorgezeichnet und vor Gottes allsehendem Auge ein vollendeter Sinnzusammenhang ist ...

Das gilt aber nicht nur für das einzelne Menschenleben, sondern auch für das Leben der ganzen Menschheit und darüber hinaus für die Gesamtheit alles Seienden. Ihr Zusammenhang im Logos ist der eines Sinnganzen, eines vollendeten Kunstwerkes, in dem jeder einzelne Zug sich an seiner Stelle nach reinster und strengster Gesetzmäßigkeit in den Einklang des gesamten Gebildes fügt.

Was wir vom "Sinn der Dinge" erfassen, was "in unseren Verstand eingeht", das verhält sich zu jenem Sinnganzen wie einzelne verlorene Töne, die mir der Wind von einer in weiter Ferne erklingenden Symphonie zuträgt. In der Sprache der Theologen heißt der Sinnzusammenhang alles Seienden im Logos der göttliche Schöpfungsplan (ars divina). Das Weltgeschehen von Anbeginn ist seine Verwirklichung. Hinter diesem "Plan" aber, hinter dem "künstlerischen Entwurf" der Schöpfung steht (ohne davon seinsmäßig getrennt zu sein) die ewige Fülle des göttlichen Seins und Lebens.

Aus: Edith Stein, Endliches und ewiges Sein (1935/36)